Nach
Terroranschlägen auf Touristen stellt sich stets die Frage nach
den Motiven der Täter. Entweder werden mit den Anschlägen
politische Ziele verfolgt, oder es steht die Angst vor kultureller
Überfremdung im Vordergrund. Ein Erklärungsversuch von Ala
Al-Hamarneh
Polizist nach den Anschlägen vom 02.10.05 auf Bali; Foto: AP Warum
ausgerechnet Anschläge auf Touristen? Sind sie nicht gerade
diejenigen, die, in höherem oder geringerem Maße, Interesse an
einer fremden Kultur zeigen und deren Geld der lokalen Wirtschaft
zufließt?
Man muss das Phänomen wohl aus einem anderen Blickwinkel
betrachten. Ein terroristischer Anschlag ist nicht zuletzt auch
ein symbolischer Akt. Folglich kann er wie jeder andere
Kommunikationsakt analysiert werden. Terroristisches Handeln ist
zwar immer kriminell, hat aber jeweils spezifische Hintergründe
und ist im Rahmen unterschiedlicher Diskurse und Kontexte zu
situieren.
Um Terrorismus effektiv bekämpfen zu können, muss man ihn
verstehen und analysieren. Sicherheitsmaßnahmen sind zwar
unerlässlich, aber keinesfalls ausreichend. Sie können nicht die
Grundlage einer Strategie zur Terrorprävention bilden.
Terrorismus, dem Touristen zum Opfer fallen, ist stets ein
politisch oder kulturell motivierter Akt.
Politisch motivierter Terrorismus
Es lassen sich vier Ziele unterscheiden, die mit terroristischen
Anschlägen auf Touristen verfolgt werden:
1.) die politische Lage vor Ort zu destabilisieren. Die Anschläge
in Ägypten sind ein Beispiel dafür. Sie zielen darauf ab,
Sicherheitsdefizite aufzuzeigen, die sie selbst ausnutzen.
Gleichzeitig treffen sie in empfindlicher Weise einen der
wichtigsten Wirtschaftssektoren des Landes.
2.) auf die Situation einer Minderheit aufmerksam zu machen. Der
Terror der spanischen ETA nimmt beispielsweise für sich in
Anspruch, die Interessen der baskischen Minderheit zu vertreten.
Einige radikale kurdische Gruppierungen in der Türkei haben mit
dem erklärten Ziel, die Aufmerksamkeit auf ihre Situation zu
lenken, touristische Ziele angegriffen.
3.) Kritik an der Politik des Herkunftslandes zu äußern. Die
Anschläge in Bali standen ganz offensichtlich im Zusammenhang mit
der Situation nach dem 11. September. Die terroristischen
Anschläge auf israelische Touristen in Mombasa und auf Besucher
einer Synagoge in Djerba sollten wohl Kritik am Staat Israel zum
Ausdruck bringen.
4.) Profit zu erzielen. Die Geiselnahme europäischer und
australischer Touristen im Jemen und auf den Philippinen diente
offenbar dazu, die finanzielle Situation der jeweiligen
Dachorganisationen aufzubessern, in deren Auftrag die Entführer
handelten.
Der Erfolg des politisch motivierten Terrorismus misst sich
einerseits an seinen langfristigen Auswirkungen, andererseits am
Medienecho, das er auslöst.
Kulturell motivierter Terrorismus
Kulturell motivierter Terrorismus ist ein weniger bekanntes
Phänomen. Dabei gibt es durchaus namhafte Autoren, die die
politischen Ziele der terroristischen Anschläge auf Touristen in
den arabischen und islamischen Ländern für kulturell bedingt
halten. In der akademischen Debatte um die terroristischen
Anschläge auf Touristen, die in den 90er Jahren in Ägypten verübt
wurden, wurde immer wieder betont, welch große Rolle kulturelle
Elemente dabei gespielt hätten.
Touristen verlassen den ägyptischen Ferienort Scharm el Scheich;
Foto: dpa "Islamistische Aktivisten haben möglicherweise das
Gefühl, dass sie drastische Maßnahmen gegen die Entwicklungen
ergreifen müssen, durch die sie ihre nationale Kultur, Tradition
und Religion bedroht sehen", schrieb beispielsweise der ägyptische
Intellektuelle Salah Wahab.
Seit dem 11. September hat der kulturelle Hintergrund
terroristischer Anschläge an Bedeutung gewonnen. Das Ausmaß der
Zerstörung, der muslimische Hintergrund der Täter und die
Tatsache, dass es sich um einen Selbstmordanschlag handelte, haben
entsprechenden Theorien zu neuer Popularität verholfen. Dennoch
bleibt es ein fragwürdiges Unterfangen, "Kultur" auf Religion zu
reduzieren.
Tourismus - ein interkultureller Dialog
Die Ressourcen für einen interkulturellen Dialog sind in der Tat
begrenzt und großen Bevölkerungsgruppen oft nicht zugänglich. Die
entsprechenden Technologien, etwa das Fernsehen oder das Internet,
erscheinen gegenüber direkter Interaktion von Angesicht zu
Angesicht defizitär, und der Austausch, der auf Regierungsebene
stattfindet, ist großen Teilen der Bevölkerung ebenso wenig
zugänglich wie der auf kultureller Ebene.
Auch aus den Migrationsbewegungen ist bislang kein
interkultureller Begegnungsraum entstanden; es gibt keine
Schnittmenge zwischen Herkunftsland und Exilheimat der Migranten -
Gesellschaft und Kultur der beiden Länder bleiben strikt
voneinander getrennt.
Umso wichtiger erscheint vor diesem Hintergrund der internationale
Tourismus, der es ermöglicht, den "Anderen" in seiner jeweiligen
Heimat zu entdecken und kennen zu lernen. Solche direkten Kontakte
können in ihrer Bedeutung kaum unterschätzt werden - man denke an
die Millionen europäischer Touristen, die auch nach den
terroristischen Anschlägen in Luxor und Djerba noch arabische
Länder bereisen.
Verfehlte Ziele
Es sieht also so aus, als hätten die Terroristen ihr Ziel
verfehlt. Auch scheinen - kurzfristigen ökonomischen und
politischen Auswirkungen der Anschläge auf Touristen zum Trotz -
die radikalen Ideologien des Terrors auf lange Sicht an
Popularität einzubüßen. Interessant ist in dieser Hinsicht der
Anschlag auf arabische Arbeiter, der im Juli 2005 an einer
Bushaltestelle in Sharm El-Sheikh verübt wurde.
Einerseits scheinen die Terroristen nach der Devise "Wer nicht für
uns ist, ist gegen uns" zu verfahren: Wer Teil der
Tourismusindustrie ist, wird zum Feind stilisiert. Andererseits
wird gerade durch solche Anschläge eine Diskussion über
Konservatismus, Liberalismus und Toleranz in den Gesellschaften
der arabischen Länder angestoßen.
Alkohol für die Ausländer
Das Oberhaupt der Al-Azhar-Universität, Scheich Muhammad Sayyid
Tantawi, hat in einem Interview nach den jüngsten Terroranschlägen
in Sharm El-Sheikh erklärt, die muslimischen Ägypter müssten es
"tolerieren, wenn ausländische Touristen Alkohol trinken, denn
ihnen ist dies nicht verboten."
Wie aber steht es um muslimische Ägypter, die ebenfalls Alkohol
trinken? Was ist mit Muslimen, die Alkohol ausschenken? Oder den
Eigentümern der Lokalitäten, in denen Alkohol ausgeschenkt wird?
Wie viel von der Gesellschaft ihres Gastlandes bekommen Touristen
überhaupt zu sehen?
Die große Mehrheit der Europäer, die arabische Länder bereisen,
wird im Rahmen organisierter Touren dirigiert. Die Touristen
bleiben in mehr oder weniger isolierten lokalen Gemeinschaften wie
Sharm El-Sheikh, im ägyptischen Hurgada, in der marokkanischen
Hafenstadt Agadir, in Port el Kantaoui und in Djerba in Tunesien
oder am Jumeirah-Strand in Dubai. Der Kontakt zur Bevölkerung und
ihrer Kultur bleibt begrenzt.
Die Angst vor Anschlägen
Seit dem 11. September ist diese Abschottung im Namen der
Sicherheit noch größer geworden. Doch Abschottung, so konnte man
in den letzten drei Jahren feststellen, führt keineswegs zu
größerer Sicherheit. Im Gegenteil, die räumliche Isolation bringt
die Touristen nur noch mehr in Gefahr, und quasi "nebenbei" führt
sie auch zu einer Entfremdung der in der Tourismusindustrie
beschäftigten Einheimischen - ein in seiner Bedeutung nicht zu
unterschätzender Umstand.
Überspitzt ausgedrückt: Panische Absonderungs- und
Absicherungsmaßnahmen führen dazu, dass ein ganzer einheimischer
Wirtschaftszweig, nämlich der Fremdenverkehr, zu einem Fremdkörper
im Land wird.
Dies ist besonders tragisch angesichts der Potentiale, die dem
Tourismussektor innewohnen: Er ist ein Wirtschaftszweig, der von
persönlichen Begegnungen lebt und eine Botschaft transportiert; er
ist eine Wirtschaft, die dazu beiträgt, dass Menschen
unterschiedlicher Herkunft einander begegnen und miteinander in
einen interkulturellen Dialog treten.
Eine erfolgreiche touristische Wirtschaft benötigt politische
Stabilität, Frieden, Sicherheit und die Möglichkeit zu einem
freien und offenen Dialog. Nur ein interkultureller Dialog wird
verhindern können, dass der Tourismussektor weiterhin von
Gewaltakten beeinträchtigt wird.
Autor: Dr. Ala Al-Hamarneh, Zentrum für Forschung zur Arabischen
Welt (ZEFAW), Mainz
http://www.qantara.de/webcom/show_article.php/_c-468/_nr-415/i.html
Aus dem Englischen von Ilja Braun |