Haben
Muslime keinen Humor? Liegt es vielleicht daran, dass diese ganze
Kultur einfach keinen Spaß versteht und deshalb nun so reagiert?
Diese Frage wird tatsächlich gestellt. Ähnlich wie die Frage, ob
es an der Lustfeindlichkeit dieser Religion liege, dass Frauen
unter das Kopftuch gezwungen werden. Um die zweite Frage nur am
Rande zu beantworten: Nein, der Islam ist nicht lustfeindlich. Im
Gegenteil: Innerhalb der Ehe gilt Sex - und vor allem die Freude
daran - als Vorgeschmack auf die Freuden des Paradieses.
Aber nun zur ersten Frage, der entscheidenden in diesen Tagen:
Können Muslime lachen und sich über sich selber lustig machen? Es
könnte ja an diesem Unvermögen liegen - so wird unterstellt - dass
sie nun demonstrieren, Fahnen verbrennen und Mordaufrufe starten.
Doch die islamische Literatur ist voller Humor: Beispielsweise
kennt sie eine Art Till Eulenspiegel: Mullah Nasreddin (im
Türkischen Nasreddin Hoca). In seiner Person wird der gesamte
Stand der Geistlichkeit aufs Korn genommen, er ist ungebildet,
aber bauernschlau und schlitzohrig. Es gibt wunderschöne
Geschichten über ihn, Bücher für Erwachsene, Erzählsammlungen,
Comics und Bildbände für Kinder. Sie sind zum Totlachen, und jedes
Kind in der Türkei und in Iran kennt sie.
Vielleicht war Nasreddin Hoca Vorbild für die Mullah-Witze, die
bis heute in der Islamischen Republik kursieren. Immer wieder wird
hier deren Raffgier aufs Korn genommen. Ein Beispiel: Ein
katholischer Geistlicher, ein Rabbi und ein Mullah sprechen über
die Frage: Wie haltet ihr es mit der Kollekte und eurem eigenen
Anteil daran? Der katholische Geistliche macht es vor: "Ich
zeichne einen solchen Kreis, werfe das Geld in die Luft. Was in
den Kreis fällt, ist für Gott, was außerhalb liegen bleibt, ist
für mich." Der Rabbi: Der Kreis ist groß. Ich zeichne ihn kleiner,
aber ansonsten mache ich es auch so." Darauf der Mullah: "Das
Problem mit euch Juden und Christen ist: Ihr habt kein
Gottvertrauen. Ich werfe einfach das Geld in die Luft und sage
mir: Was Gott will, wird er sich schon nehmen, der Rest ist für
mich."
Die Männer des Glaubens sind schon immer Ziel des Spotts gewesen,
und auch Satire ist islamischen Staaten nicht fremd. Gol-Agha ist
eine seit Jahrzehnten in Iran erscheinende Zeitschrift. Bittere
Satire über alles was heilig ist und nicht, wird dort formuliert.
Und unter
http://www.iranian.com/satire.html findet man zum Beispiel
Satiren über den neuen iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad.
Nicht umsonst ist der Karikaturist Ebrahim Nabavi einer der
bekanntesten Männer Irans. Selbst iranische Geistliche, unter
ihnen Groß-Ayatollah Montazeri, ein Urgestein der schiitischen
Geistlichkeit, lachen über seine Satiren. Den Staatsklerikern
allerdings haben sie weniger gefallen. Deshalb lebt Nabavi heute
im belgischen Exil, was aber nicht heißt, dass sein Spott die
Iraner über die website
http://news.gooya.com/nabavi/ nicht doch erreicht.
Ausgenommen von diesem Spott war stets der Prophet Mohammed. Schon
die bildliche Darstellung seiner Person ist verboten, weil es ein
allgemeines Bilderverbot im Islam gibt. Das heißt nicht, dass
dieses Bilderverbot nie durchbrochen wurde - vor allem von
Schiiten, die das Bilderverbot etwas laxer handhaben als die
Sunniten. Gerade in Iran gibt es beispielsweise auf Amuletten
Darstellungen des Propheten, und es gibt wunderschöne persische
Miniaturen, auf denen der Prophet dargestellt ist. Die in Teheran
lebende iranische Künstlerin Oranous verkauft unbehelligt online
ein ironisches Bild des Propheten.
Was die islamische Welt an Ironie alles ertragen hat
Mit bildlichen Darstellungen ihres Propheten sind Muslime seit
Jahrhunderten konfrontiert. Vor allem von westlichen Zeichnern
wurde Mohammad dargestellt, karikiert, demontiert. Hervorragend
nachzuvollziehen ist dies auf der homepage
www.zombietime.com/mohammed_image_archive/, einer homepage,
die in der letzten Woche eingerichtet worden ist um, so die
Betreiber als, Ressource zu dienen für diejenigen, die sich für
die Freiheit der Meinung interessieren. Dort ist dokumentiert, was
die islamische Welt in den letzten Jahrzehnten alles ertragen hat
an Ironie. Doch damals war die Situation auch anders, damals hat
es noch niemand Seiten angelegt auf einen Kampf der Kulturen. Und
kann man ganz sicher sein, dass nicht genau das im Moment
geschieht, von beiden Seiten aus?
Weit ironischer als dem Propheten näherten sich in der Literatur
islamische Autoren ihrem Schöpfer. Die islamische Literatur ist
voll von Spottgeschichten über Gott. Die Narren sind es, die sie
aussprechen können. Einer sitzt im Winter auf dem Boden und isst
Schnee. "Warum isst du Schnee?", fragt ihn einer. "Mein Bauch ist
hungrig." - "Davon wirst du doch nicht satt." - "Erzähl das mal
Gott. Der hat mir nämlich auf mein Flehen geantwortet, ich solle
Schnee essen, wenn ich Hunger habe. Kein Irrer sagt so etwas. Kein
Irrer sagt, ich mache dich satt ohne Brot." Oder wenn Ibn
ar-Rawandi ein arabischer Atheist, sagt: "Du hast den
Lebensunterhalt so stümperhaft verteilt, als wärst du besoffen
gewesen. Wenn ein Mann so verteilen würde, würden wir zu ihm
sagen, du bist verrückt geworden, lass dich behandeln."
Das ist Spott. Der Witz ist eher eine Anklage an den Gott, den man
liebt, von dem man sich aber verlassen fühlt. Vermutlich ist in
der islamischen Literatur der Prophet Mohammed aus genau diesem
Grund von Spott und Satire ausgenommen worden. Wer spotten wollte,
hat sich immer direkt an Gott gewandt oder den Islam als Religion
karikiert - wie der größte iranische Schriftsteller des letzen
Jahrhunderts, Sadeq Hedayat. Böser und bissiger als seine Satire
über die muslimische Pilgerfahrt kann Literatur nicht sein.
Vielleicht liegt hier der Schlüssel. Wer seine eigene Religion
karikiert, hat ein Recht dazu. Wenn eine Mehrheitsgesellschaft es
tut, um eine Minderheit zu beleidigen, ist es geschmacklos. Auch
wenn - das ist völlig unbenommen - diese Minderheit auch eine
solche Beleidigung im Namen der Meinungsfreiheit ertragen muss und
nicht mit Todesdrohungen reagieren darf.
Katajun Amirpur (email:
amirpur@aol.com)
Quelle: Frankfurter Rundschau online, 11.02.2006, URL:
http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=803317
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