Der
Prophet und seine Bilder - Anmerkungen zum islamischen
«Bilderverbot»
In der durch die Karikaturen des Propheten Mohammed provozierten
weltweiten Krise heisst es oft, die muslimische Reaktion sei unter
anderem auch durch das Verbot, den Propheten darzustellen, bewirkt
worden. Auch wird das sogenannte islamische «Bilderverbot»
evoziert. Diese Behauptungen sind zwar nicht falsch, der genaue
Sachverhalt ist jedoch komplexer.
Der Koran - für den Gläubigen Gottes Wort - erwähnt weder ein
allgemeines noch ein speziell den Propheten betreffendes
«Bilderverbot». Der Begriff «sura» - arabisch für Bild - erscheint
nur ein einziges Mal, im Zusammenhang mit der Erschaffung Adams
(Sure 82, 8). Die Priorität liegt woanders: Der Götzenkult der
vorislamischen Araber sollte bekämpft und durch den
monotheistischen Glauben ersetzt werden. Vorbild ist dabei
Abraham, der - gemäss Koran - ein wahrer Gläubiger war. Sohn eines
Götzenbildners, zerstörte Abraham die von seinem Vater
hergestellten Werke. Das Gleiche soll Mohammed 630 nach der
Eroberung Mekkas getan haben, als er die im Stadttempel - der
Kaaba - verehrten Statuen zerbrach.
Keine Gebete, wo Bilder sind
Die Mohammed zugeschriebenen Taten und Worte, die Hadithe,
befassen sich hingegen mit der Bilderfrage. So heisst es, die
Engel würden kein Haus betreten, in welchem sich Bilder oder Hunde
fänden. Der Hund ist im Islam unrein; Bilder, die mit den
Götzenstatuen gleichgesetzt werden, sind es ebenso. Wo Bilder
sind, kann demnach nicht gebetet werden. Die Bilder, um die es
hier geht, sind die von Wesen, die vom Lebensodem (ruh) bewohnt
sind, also Menschen und Tieren.
Die Hadith-Texte, zwei- oder dreihundert Jahre nach dem Tod
Mohammeds verschriftlicht, dienten wohl eher der Legitimierung
einer bereits erfolgten Entwicklung, als dass sie diese zu
beeinflussen vermocht hätten, wie die frühe Baugeschichte zeigt.
Die ersten zwei Bauten, die im Namen der neuen Religion geschaffen
wurden - der Felsendom in Jerusalem (691/92) und die
Umayyadenmoschee (706-14/15) in Damaskus - weisen neben
Inschriften nur pflanzliche und architektonische Dekorationen auf,
obwohl die angewandte Technik die der Spätantike ist. In einem
noch mehrheitlich christlichen Umfeld hatte der Verzicht auf
Menschen- und Tierbilder zweifellos einen starken Aussagewert.
Anders in den nur wenige Jahre später von den gleichen
umayyadischen Bauherren erbauten Wüstenschlössern: zwei- und
dreidimensionale Darstellungen von menschlichen und tierischen
Wesen kommen in Fülle vor. Und nicht nur in Fürstenpalästen sind
solche Bilder zu finden: Auch Keramik- und Metallwaren weisen
figürliche Verzierungen oder Formen auf.
Wenn man von einem «Bilderverbot» im Islam sprechen kann, gilt
dieses nur im religiösen Kontext: Gebetshäuser, aber auch Korane
und andere religiöse Schriften weisen keine Personendarstellungen
auf. Im profanen Leben hingegen entwickelte sich die Figuration
seit frühester Zeit und erhielt sich durch die Jahrhunderte
hindurch.
Prophetendarstellungen
Die Manuskriptmalerei geht in der islamischen Welt auf das 11.
Jahrhundert zurück: Zuerst wurden nur wissenschaftliche Schriften
illustriert, ab dem 12./13. Jahrhundert auch Fabeln und
Erfolgsromane wie die Maqamen des Hariri. Die älteste bekannte
Darstellung Mohammeds (1250) stammt aus dem anatolischen Konya.
Vor diesem Datum gibt es nur schriftliche Zeugnisse solcher
Bilder, und es ist unmöglich zu sagen, ob es diese wirklich
gegeben hat. Die im persischen Täbris Anfang des 14. Jahrhunderts
vom Wesir Raschid al-Din gemalte Universalchronik illustrierte zum
ersten Mal das Leben des Propheten. Von diesem Zeitpunkt an findet
man zahlreiche bildliche Darstellungen Mohammeds oder anderer im
Koran erwähnter Propheten. Es handelt sich jedoch ausschliesslich
um profane Schriften wie Chroniken, Poesiealben oder um
illustrierte Exemplare des volkstümlichen Genres der
Prophetengeschichten. - Im 1501 schiitisch gewordenen Iran wurden
auch Episoden aus dem Leben Alis und seiner Nachfolger - der Imame
- gemalt. Die Gesichtszüge wurden manchmal durch einen Schleier
oder durch Flammen kaschiert.
Durch die Modernisierung bedingt, verschwand im 19. und 20.
Jahrhundert die Miniaturmalerei allmählich; die neuen und
günstigen Drucktechniken trugen jedoch zur Verbreitung von
religiösen Darstellungen in der Volksreligion bei. Im schiitischen
Islam ist die Akzeptanz solcher Bilder besonders gross. So
zirkuliert in Iran in neuerer Zeit ein Prophetenporträt, das
Mohammed in jungem Alter darstellen soll. Obwohl dieses Bild - wie
die Neuenburger Ethnologen Pierre und Micheline Centlivres
nachgewiesen haben - auf eine orientalistische, ursprünglich für
den westlichen Markt angefertigte Foto zurückzuführen ist, wird es
neben den wichtigsten Moscheen und Mausoleen verkauft.
Im 20. Jahrhundert hat die filmische Darstellung Mohammeds
mehrmals Polemiken verursacht. So musste 1976 der kürzlich
verstorbene syrisch-amerikanische Regisseur Mustafa Al-Akkad in
seinem Film «Al-Risala» auf die Interpretation Mohammeds und
anderer Hauptfiguren des Frühislams durch Schauspieler verzichten,
da sein Unterfangen den Protest verschiedener islamischer
Organisationen hervorgerufen hatte.
Auch im Christentum war die Darstellung von Lebewesen nicht immer
unumstritten, denn das Alte Testament verbietet es ausdrücklich,
Bilder von Gott zu malen - oder auch solche von irgendetwas, was
im Himmel, auf der Erde oder im Wasser ist (Exodus 20, 4;
Deuteronomium 5, 8). Daraus lässt sich unter anderem der
byzantinische Ikonoklasmus im 8. und 9. Jahrhundert erklären. Um
das Jahr 600 herum sprach sich auch Papst Gregor der Grosse gegen
Bilderfeindlichkeit und eine zu starke Bilderverehrung aus. Doch
unterstrich er ihren erzieherischen Nutzen. Ähnlich argumentierte
794 das Frankfurter Konzil; erst im 12./13. Jahrhundert
akzeptierte die katholische Kirche die Bilder vorbehaltlos. Doch
im 16. Jahrhundert führte die Reform erneut zum Bildersturm:
Calvin und Zwingli verbannten die Bilder aus den Gotteshäusern und
der religiösen Praxis.
Hans Belting und andere zeitgenössische Autoren sehen inzwischen
im Bilderreichtum des Christentums die eigentliche Ausnahme, denn
von ihrer Grundkonzeption her sind die Monotheismen eher
bilderfeindlich eingestellt. Deswegen sollte es auch nicht
erstaunen, dass im Gegensatz zum Christentum die islamisch
Religion keine pädagogisch legitimierte Ikonographie im Sinne der
Biblia Pauperum, der mittelalterlichen Bilderbibel, entwickelt
hat. Obwohl weder Koran noch Hadith ausdrücklich die Erstellung
von Prophetenbildern verbieten, sind uns solche frühestens aus dem
13. Jahrhundert und ausschliesslich aus profanen Werken bekannt.
Dass Propheten oft mit verschleiertem oder von Flammen bedecktem
Gesicht gemalt wurden, mag wohl darauf hindeuten, dass es
Einschränkungen gab. Dennoch existierte dieses Genre, zumindest in
früheren Zeiten - und teilweise kommt es auch heute noch vor.
Silvia Naef
Die Autorin ist Professorin an der Universität Genf. Zum
Bilderverbot ist von ihr erschienen: Y a-t-il une «question de
l'image» en Islam? (Paris, Téraèdre 2004), Euro 14.10.
16. Februar 2006, Neue Zürcher Zeitung
Diesen Artikel finden Sie auf NZZ Online unter:
http://www.nzz.ch/2006/02/16/fe/articleDKUC5.html |